In Dresden entwickelte Nabelschnur‑Stammzellen reduzieren Sterblichkeit bei schwerer COVID‑Infektion
(urspr. Artikel von Annechristin Bonß, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden)
Patient*innen mit einer schweren Covid-Infektion haben ein sehr hohes Sterberisiko. Eine wesentliche Ursache dafür ist die überschießende Immunreaktion des Körpers. Eine aktuelle Studie aus Kanada zeigt nun, dass die Behandlung mit Mesenchymalen Stamm- oder Stromazellen (MSC) aus der Nabelschnur Neugeborener die Sterblichkeit bei diesen Patient*innen deutlich reduziert. Auch Mediziner*innen aus Dresden sind Teil dieser wissenschaftlichen Erkenntnis, denn für die in Kanada durchgeführte Studie wurden Zellen verwendet, die in der Elbestadt entwickelt wurden. „Wir sind stolz, dass der in Dresden entwickelte Ansatz für eine zelluläre Therapie bei Frühgeborenen das Potential hat, auch das Leben Erwachsener zu retten“, sagt Prof. Mario Rüdiger, Direktor des Zentrums für feto-neonatale Gesundheit am Universitätsklinikum Dresden.
Den Einsatz von Stammzellen aus der Nabelschnur (mesenchymalen Stromazellen – MSC) haben die Mediziner*innen aus dem Zentrum für feto-neonatale Gesundheit am Universitätsklinikum Dresden schon länger im Blick. Ursprünglich wurde diese Therapie entwickelt, um Frühgeborenen und kranken Neugeborenen zu helfen. Hierbei sollen insbesondere die entzündungsmodulierenden Eigenschaften der MSC helfen, eine chronische Lungenerkrankung bei extrem früh geborenen Kindern zu vermeiden.
Im Rahmen der Covid-19-Pandemie hat sich das Team am Zentrum für feto-neonatale Gesundheit aber schnell auf die globale Herausforderung fokussiert und gemeinsam mit Partnern am Ottawa Health Research Institute (OHRI) in Kanada eine Studie zur Behandlung schwer erkrankter Erwachsener mit Covid initiiert. Die Ergebnisse dieser Studie wurden jetzt im renommierten Journal Stem Cell Reports veröffentlicht und zeigen, dass die in Dresden entwickelten MSC-Therapie die Sterblichkeit dieser Patient*innen senken konnte.
Da die Pandemie glücklicherweise vor Erreichen der geplanten Fallzahlen beendet war, reichen die Ergebnisse noch nicht aus, um diese neue Therapie in die klinische Praxis zu überführen. Aus diesem Grunde führen die Partner in Kanada derzeit eine im Jahr 2024 gestartete große Phase-II-Studie für Patient*innen mit schwerer Sepsis durch. Die Studie hat das Ziel, insgesamt 296 Teilnehmende zu rekrutieren. Grundlage für die dort untersuchte Therapie sind ebenfalls Zellen, die in Dresden aus Nabelschnüren gesunder Neugeborener isoliert werden. Für die industrielle Weiterentwicklung dieser Zellen arbeitet das Team eng mit dem Industriepartner MDTB Cells aus Radebeul zusammen.
MDTB Cells verantwortet die GMP‑Skalierung und die Entwicklung der Wirkstoffplattform DESACELL®. „Wir freuen uns über die enge Kooperation mit dem Universitätsklinikum Dresden. Die jetzt publizierten Ergebnisse bestätigen das klinische Potenzial der DESACELL®-Plattform und bestärken uns in der weiteren industriellen Entwicklung“, sagt Tino Hammer, Co‑Founder & CEO der Firma MDTB Cells.
Während die Verwendung von MSCs als Zelltherapeutika vielfach untersucht wurde, scheitere ihre breite Routineanwendung bisher daran, dass nicht immer ausreichend junge Zellen in passender Qualität und Menge verfügbar waren. Durch ein neuartiges Verfahren, das das Team in Dresden unter der Leitung von Dr. Marius A. Möbius und Dr. Daniel Freund entwickelt hat, ist es gelungen, sehr junge Zellen aus dem Nabelschnurgewebe in einer Menge zu isolieren, die eine Anwendung am Menschen ermöglicht. Im Rahmen des vom BMFTR geförderten Cluster4Future SaxoCell, welches die Etablierung einer zellbasierten Industrie in Sachsen zum Ziel hat und für das eine dritte Förderphase angestrebt wird, arbeitet das Team daran, die Produktion so weiterzuentwickeln, dass die Therapie – sobald sie in der Klinik als wirksam befunden wurde – in die Routineanwendung überführt und damit dann nicht nur Frühgeborenen effektiv geholfen werden kann.
„Wenn sich die Daten der Covid-Studie auch bei Erwachsenen mit schwerer Sepsis reproduzieren lassen, dann würde eine ursprünglich aus der Neonatologie stammende Therapie, die Behandlung bei Erwachsenen revolutionieren“, erläutert Prof. Mario Rüdiger. „Damit hätten wir gleichzeitig ein wichtiges Ziel im Rahmen des Projektes SaxoCell erreicht, zelluläre Therapien Made in Saxony.“
„Die jetzt publizierten Ergebnisse zeigen einmal mehr, welche Chancen zell-basierte Therapeutika für die Industrie bieten – für die Patient*innen im Rahmen einer zukunftsorientierten Versorgung und für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Sachsen“, sagt Prof. Dr. Martin Bornhäuser, Co-Sprecher von SaxoCell. Prof. Frank Buchholz, ebenfalls SaxoCell-Sprecher, ergänzt: „Diese Ergebnisse unterstreichen das enorme Potenzial zellbasierter Therapien und zeigen zugleich, welche Innovationskraft in Sachsen entsteht. Mit SaxoCell bündeln wir Wissenschaft, Klinik und Industrie, um solche Ansätze von der Forschung bis zur industriellen Anwendung zu beschleunigen.“
Weiterführende Informationen
Zentrum für feto/neonatale Gesundheit: www.ukdd.de/fetoneoResearch
MDTB Cells GmbH: www.mdtbcells.com
Originalpublikation
English SW, Ferguson DA, Lalu MM, Courtman DW, Khan S, Sobh M, Watpool I, Champagne J, Hodgins S, Thébaud B, Soliman K, Chassé M, dos Santos CC, Möbius MA, Freund D, Rüdiger M, Stewart DJ (2026) Cellular immunotherapy for COVID-19-induced acute respiratory distress syndrome: Results of the CIRCA-19 phase 1 safety and phase 2 randomized controlled trials. Stem Cell Rep, https://doi.org/10.1016/j.stemcr.2026.102854